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Human Nature

Der Bestätigungsfehler steckt schon in der Frage

Wenn im Team etwas schiefläuft, hat man meistens schon eine Vermutung, woran es lag. Wer diese Vermutung dann in seine Frage legt, bekommt sie in aller Regel auch als Antwort zurück und hält das Ergebnis für eine Bestätigung.

Warum Nachfragen sich gründlich anfühlt

Gerade wer neu für ein Team verantwortlich ist, will Probleme schnell klären. Also fragt man nach und das fühlt sich zunächst gründlich an. Die Frage lautet dann aber oft „Das lag doch an der Abstimmung, oder?“. In ihr steckt die Antwort schon drin und der andere merkt ziemlich schnell, was man hören will.

Das Ergebnis ist eine Zustimmung, die man selbst bestellt hat. Aufgeklärt hat man damit nichts, man hat sich lediglich bestätigen lassen. Die Psychologie nennt das den Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), also die Neigung, Informationen so zu suchen und zu deuten, dass sie zum eigenen Bild passen.

Was ein Experiment zum Bestätigungsfehler zeigt

Hierzu gibt es eine Untersuchung von Saul Kassin, Christine Goldstein und Kenneth Savitsky aus dem Jahr 2003. Dabei sollten Studierende andere Studierende befragen, ob sie etwas gestohlen hatten, wobei der Diebstahl natürlich nur gespielt war. Einem Teil der Befrager hatte man vorher gesagt, dass die meisten wohl schuldig seien.

Genau diese Befrager haben anders gefragt, denn ihre Fragen unterstellten die Schuld bereits. Dazu machten sie mehr Druck, am stärksten ausgerechnet bei denen, die gar nichts getan hatten. Anschließend hat man die Aufnahmen Leuten vorgespielt, die von alldem nichts wussten. Selbst diese neutralen Zuhörer hielten die Befragten aus der Gruppe mit der Erwartung für defensiver und eher für schuldig.

Einige Jahre später kam eine Wiederholung in England zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Vermutung steckt demnach zuerst in der Frage und danach im Verhalten dessen, der antwortet. Am Ende sieht es so aus, als hätte man von Anfang an recht gehabt.

Warum der Vorsatz, offen zu bleiben, nicht reicht

Den Vorsatz, unvoreingenommen zu fragen, hat fast jeder, er reicht in der Regel aber nicht. Was hilft, ist eine Handlung, die man üben kann. Man sucht gezielt nach dem, was gegen die eigene Vermutung spricht.

Dass sich das trainieren lässt, zeigt eine Studie von Anne-Laure Sellier, Irene Scopelliti und Carey Morewedge aus dem Jahr 2019 mit knapp 300 Masterstudierenden in Paris. Wer vorher geübt hatte, wählte Wochen später in einem Fall aus dem Geschäftsalltag fast 30 Prozent seltener die Lösung, die nur die eigene erste Vermutung bestätigt.

Richtige Fragen stellen in drei Schritten

Für das Nachfragen heißt das ganz praktisch drei Schritte. Im ersten Schritt schreibt man die eigene Vermutung auf, bevor man fragt. Erst dann sieht man, was man schon glaubt.

Im zweiten Schritt stellt man die Frage so, dass die Vermutung nicht drinsteckt, also ohne Namen, ohne Grund und ohne das „oder?” am Ende. Statt „Das lag doch an der Abstimmung, oder?” lautet sie dann „Wie ist es dazu gekommen?“. Suggestivfragen erkennt man im Alltag an genau diesen Bausteinen.

Im dritten Schritt überlegt man, was man sehen müsste, wenn man falschliegt und fragt anschließend genau danach.

Der Weg zur richtigen Frage
  1. Aufschreiben

    Die eigene Vermutung, bevor du fragst

  2. Offen fragen

    Ohne Namen, ohne Grund und ohne „oder?" am Ende

  3. Gegenprobe

    Was du sehen müsstest, wenn du falschliegst, und genau danach fragen

Statt „Das lag doch an der Abstimmung, oder?” fragt man „Wie ist es dazu gekommen?“.

Ein Beispiel aus der Prüfung von Angeboten

So eine Befragung habe ich nicht erlebt, das Muster dahinter sehe ich im Job aber regelmäßig. Wenn wir Angebote von Anbietern prüfen, lesen wir sie mit unserem Wissen und unserer Sicht auf die Dinge. Dabei finden wir Widersprüche oder Fehler, von denen manche auch stimmen, weil die Analyse sie hergibt.

Bei anderen hat der Anbieter etwas Bestimmtes gemeint und das zeigt sich manchmal erst nach der zweiten oder dritten Rückfrage. Oft fehlt gar nichts, weil der Anbieter es an anderer Stelle zusammengefasst hat oder mit einer anderen Methode löst. Die Versuchung ist groß, gleich so zu fragen, wie man es selbst gelesen hat. „Hier fehlt doch etwas, oder?” liefert dann eine Antwort auf die eigene Lesart und nicht auf das, was gemeint war.

Der erste der drei Schritte ist bei uns fast automatisch erfüllt, weil wir unsere Befunde ohnehin aufschreiben. Schwierig wird es beim zweiten, denn „Wie ist das hier gemeint?” ist eine ganz andere Frage als „Das ist doch ein Fehler”. Der dritte heißt für mich, bei jedem Befund kurz zu überlegen, wie man ihn auch anders lesen könnte.

Dasselbe Muster in The Gentlemen

Spoiler Dieser Abschnitt verrät das Finale der zweiten Staffel.

Eddie Horniman will im Finale wissen, wer den Überfall auf sein Haus befohlen hat. Er legt dem einzigen Zeugen immer wieder den Namen seines alten Chefs in den Mund, bis der ihn bestätigt. Daraufhin gibt er einen Mord in Auftrag. Erst eine Gegenfrage zeigt, dass die Aussage nichts wert war. Die Gefahr kam aus seiner eigenen Familie, von dem älteren Bruder, der beim Erbe übergangen wurde.

Weiter im VideoIm Video zu diesem Artikel gibt es zusätzlich zwei Aufgaben für die laufende Woche, eine für die nächste Sache, die du klären musst und eine für den Moment, in dem du selbst gefragt wirst.
Quellen
  • Kassin, S. M., Goldstein, C. C. & Savitsky, K. (2003). Behavioral confirmation in the interrogation room: On the dangers of presuming guilt. Law and Human Behavior, 27(2), 187–203.
  • Hill, C., Memon, A. & McGeorge, P. (2008). The role of confirmation bias in suspect interviews: A systematic evaluation. Legal and Criminological Psychology, 13, 357–371.
  • Sellier, A.-L., Scopelliti, I. & Morewedge, C. K. (2019). Debiasing training improves decision making in the field. Psychological Science, 30(9), 1371–1379.
  • The Gentlemen, Staffel 2, Folge 8, in eigenen Worten nacherzählt.

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